Vor- und Nachlassprojekt des BBK LEIPZIG e.V.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Mit seinem Vor- und Nachlassprojekt setzt sich der BBK LEIPZIG e.V. seit über 10 Jahren für die Bewahrung des bildkünstlerischen Erbes in Leipzig und Umgebung ein: Das Depot im Museum für Druckkunst steht als Notfallraum für Nachlässe zur Verfügung, interessierte Künstlerinnen/Künstler werden in die Nutzung der Werkdatenbank Bildende Kunst Sachsen zur Erfassung des Werkbestandes eingewiesen sowie Erben und Nachlasshalter über den Umgang mit künstlerischen Nachlässen informiert.

Das Depot im Museum für Druckkunst Leipzig beherbergt Werke aus den Vorlässen von Prof. Karl Oppermann (Veckenstedt), Prof. Siegfried Ratzlaff (Leipzig) sowie aus den Nachlässen von Rosemarie Kaufmann-Heinze und Brigitte Poredda. Dank der Unterstützung durch die Sparkasse Leipzig kann der BBK LEIPZIG e.V. seine Bestände in einem virtuellen Archiv präsentieren.

Die aktive Unterstüzung des Pilotprojektes Künstlernachlasssicherung in Chemnitz seit Februar 2020 hat neue Perspektiven zum Umgang mit Vor- und Nachlässen eröffnet, die zu einigen Anpassungen im Projekt des BBK LEIPZIG e.V. geführt haben.

Den künstlerischen Nachlass sichern durch Werk-Pflege

Künstlerinnen/Künstler, die auf ihr Lebenswerk zurückblicken, können meist einen umfassenden Werkbestand vorweisen. In der Idealvorstellung werden sich die Erben um das Werk kümmern, es pflegen, verwalten und vermitteln. In der Realität sind Erben allerdings oft von der Nachlasspflege überfordert, zumal wenn es kein Werkverzeichnis, keine erkennbare Systematik oder Vorarbeit von Seiten des Künstlers/der Künstlerin gibt.

Uwe Degreif, stellvertretender Museumsleiter in Biberach a.D., beschreibt folgendes Vorgehen für die Sichtung künstlerischer Vor- und Nachlässe.

Seine Systematik unterscheidet:

  • sehr gute Werke, von denen sich der Künstler zeitlebens nicht trennen wollte – die künstlerische Quintessenz seines Œuvres (Gruppe A, 1–10 % des Nachlasses);
  • gute Werke, meist aus der Hauptschaffenszeit (Gruppe B, 20 – 30 %);
  • weniger gelungene und unvollendete Arbeiten (Gruppe C)
  • Dokumente, Fotos, Briefe (Gruppe D).

Nach seiner Erfahrung besteht nur für die Gruppen A und D eine Wahrscheinlichkeit, in einem Museum gesammelt, bewahrt, erforscht und vermittelt zu werden. Alles andere muss verkauft, verschenkt oder – ultima ratio – entsorgt werden. „Von mindestens 90 Prozent, manchmal 95 Prozent muss man sich trennen, anzustreben ist der Erhalt von circa 5, höchstens 10 Prozent. Bei einem durchschnittlichen Oeuvre von 2.000 bis 3.000 Werken sind das immer noch 100 bis 200 Werke, die es in Sammlungen unterzubringen gilt. Keine leichte Aufgabe.“ (U. Degreif)

Das zeigt auch die Alltagspraxis in den Sammlungen und Museen: Kein Museum, keine Sammlung oder Institution kann Künstlernachlässe in vollem Umfang aufnehmen, bearbeiten und ausstellen. Selbst wenn ein Künstlernachlass zum Sammelschwerpunkt eines Museums passt, was selten genug der Fall ist, kann kein Gesamtwerk übernommen werden. Künstler/Künstlerinnen sollten deshalb tragfähige Lösungen für ihren Nachlass schon zu Lebzeiten anstreben.

Aus diesem Grund ist es für alle Künstler/Künstlerinnen wichtig, sich selbst frühzeitig um den eigenen Werkbestand zu kümmern und eine mögliche Übernahme/Aufbewahrung des Kernwerkes vorzubereiten. Zu den zentralen Aufgabe jedes Künstlers und jeder Künstlerin zählt die eigenverantwortliche Werkpflege. Dazu gehört, das eigene Werk zu sichten und auszusortieren, ein Werkverzeichnis zu erstellen, idealerweise in digitaler Form (wie beispielsweise in der Werkdatenbank Bildende Kunst Sachsen) und die Definition des Kernwerkes. Diese vorbereitende Arbeit kann niemand dem Künstler/der Künstlerin abnehmen und Erben/Erbinnen und Nachfahren/Nachfahrinnen sind mit diesen Aufgaben meist überfordert. Deshalb möchte der BBK LEIPZIG e.V. verstärkt auf dieses Aufgabenfeld hinweisen.

Ziele und Aufgabe des BBK LEIPZIG e.V.

Der BBK LEIPZIG e.V. möchte im Rahmen des Vor- und Nachlass-Projektes verstärkt auf den Fragen- und Aufgabenkomplex künstlerischer Vor- und Nachlass, Werkverzeichnis und Kernbestand hinweisen und informieren. Im Zentrum steht dabei die eigenverantwortliche Arbeit der Künstler/Künstlerinnen mit ihrem Werk, die Erstellung von Werkverzeichnissen und die Definition eines Kernbestandes.

Der BBK LEIPZIG e.V. berät im Rahmen seiner Möglichkeiten interessierte Künstler/Künstlerinnen zur Werkerfassung in die Werkdatenbank Bildende Kunst Sachsen und leitet Anfragen interessierter Künstler/Künstlerinnen und Erben/Erbinnen sowie Künstlernachlässe (Kernbestand) an die Pilotstelle Künstlernachlasssicherung nach Chemnitz weiter, deren Ziel es unter anderem ist, Künstlernachlässe an Museen/Institutionen zu vermitteln.

Für weitere Information zum Projekt Künstlernachlasssicherung siehe hier:

Um den Fragen- und Aufgabenkomplex um künstlerische Vor- und Nachlässe stärker ins Bewusstsein zu rufen, wird der BBK LEIPZIG e.V. in lockerer Folge regelmäßige Informationsveranstaltungen anbieten. Geplant sind außerdem Gruppen- und Einzelausstellungen im Projektort 4D für ältere Kolleg*innen, die ihr Kernwerk definiert und in die Werkdatenbank Sachsen eingepflegt haben. Den Beginn macht die Jubiläumsausstellung von Hans Peter Hund.

Depot im Museum für Druckkunst Leipzig

Die Bereitstellung des Depotraumes durch den BBK LEIPZIG e.V. stellt sicher, dass Künstler/Künstlerinnen oder Erben/Erbinnen nicht in eine Notsituation geraten und Nachlässe an Kunsthändler/Kunsthändlerinnen veräußern müssen oder entsorgen (lassen). Für die Dauer von ein bis zwei Jahren bietet der BBK LEIPZIG e.V. die Aufbewahrung eines Kernbestandes des Nachlasses und Hilfe in allen offenen Fragen an. Vorlässe sollen künftig nicht mehr aufgenommen werden.
Wir stehen Ihnen gerne beratend zur Seite.

Bundesweite Vor- und Nachlass-Initiativen

Literaturtipps

  • Künstlerbund Baden-Württemberg e.V. (Hg.): Was bleibt. Konzepte für den Umgang mit Künstlernachlässen. Symposium des Künstlerbundes Baden-Württemberg, modo Verlag 2014
  • Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler e.V. (Hg.): Anlass:Nachlass, Kompendium zum Umgang mit Künstlernachlässen, Athena Verlag 2015
  • Pia Gamon, Jochen Gerz et al. (Hg): Basis Künstlerarchiv: Kunst zwischen Atelier und Museum. Das Archiv für Künstlernachlässe der Stiftung Kunstfonds, Verlag für moderne Kunst 2015
  • Loretta Würtenberger (Hg.): Der Künstlernachlass: Handbuch für Künstler, ihre Erben und Nachlassverwalter, Hatje Cantz 2016
  • Frank Michael Zeidler: Das verlorene Bild. Eine kritische Anmerkung zu Künstlernachlässen, epubli GmbH 2016