OPEN CALL

Vermessene Realitäten – Kartografische Konstruktionen von Wirklichkeit

Adam Friedrich Zürner und die sächsischen Postmeilensäulen

Noch heute sind überall in Sachsen verteilt kursächsische Postmeilensäulen zu finden. Die Wegmarken sind Ergebnis einer vor 300 Jahren erfolgten, erstmalig systematischen Vermessung Sachsens durch Adam Friedrich Zürner. Beauftragt vom Sächsischen König August dem Starken fertigte Zürner im Zuge der Vermessung auch Kartenmaterial der kursächsischen Gebiete an. Diese exakte topografische Erfassung bedeutete eine Revolution für das Post-, Verkehrs und Kriegswesen im Kurfürstentum.

Damals wie heute stellen die vermeintlich neutralen Karten nie eine objektive Abbildung der Realität dar. In ihrer Darstellung muss vereinfacht, priorisiert und ausgeschlossen werden – mit der Reduktion von Komplexität geht jedoch auch immer eine Konstruktion der Wirklichkeit einher. Wessen Realität zeigen sie? Welche Perspektive wird eingenommen? Was wird wie dargestellt? Was erhält einen Platz auf der Karte? Wem nützen sie? Karten sind immer Ausdruck und zeitgleich auch Produzent von sozialen Strukturen, zeigen Deutungshoheiten und Machtverhältnisse.

Ausgehend von der erstmaligen Vermessung Sachsens und den kursächsischen Postsäulen beschäftigt sich der BBK Leipzig e.V. 2022 mit kartografischen Konstruktionen von Wirklichkeit und sucht bildende Künstler:innen, die zu dem Thema arbeiten möchten.

Gesucht werden fünf unabhängige, selbstorganisierte künstlerische Projekte, die sich anhand sächsischer Postsäulen im Kulturraum Leipzig Raum1 mit Fragen wie der Bedeutung von Vermessung von Land, zum Umgang mit Karten (sowie anderen Versuchen Komplexität zu reduzieren) und dem Verhältnis von Zentrum und Peripherie auseinandersetzen. Ziel ist es auch Aufmerksamkeit und Verständnis für die historischen Wegmarken zu kreieren und Begegnungen zwischen Künstler:innen, Anwohner:innen und Besucher:innen zu schaffen.

Die Form der einzelnen Projekte ist offen – wichtig ist, dass es sich um eine ortsspezifische Intervention an einer Postsäule oder auf einem Postsäulenweg im Kulturraum Leipziger Raum (Landkreise Leipzig und Nordsachsen) handelt. Der Projektzeitraum ist von Juni bis September 2022, am 24./25. September findet eine gemeinsame Abschlussveranstaltung statt, bei der die Ergebnisse präsentiert werden.

Die Ausschreibung richtet sich an professionell arbeitende Künstler:innen mit abgeschlossenem Hochschulstudium und/oder Mitgliedschaft im Bund Bildender Künstler. Im Kulturraum Leipziger Raum ansässige Künstler:innen sind besonders aufgefordert, sich zu bewerben. Der Nachweis einer eigenen Betriebshaftpflichtversicherung ist Bedingung der Teilnahme.

Die teilnehmenden Künstler:innen werden von einer Fachjury ausgewählt. Sie erhalten ein Honorar von je 850€. Material- und Sachkosten werden je Einzelprojekt bis zu 350€ erstattet, es können je 80€ Fahrkostenzuschuss übernommen werden.

Einzureichen sind:

  • ein explizites Projektvorhaben plus Zeitplan mit Aktion vor Ort als Kurztext, 1-2 DIN A4-Seiten
  • ein Lebenslauf in tabellarischer Form
  • Abbildungen aktueller Arbeiten

Alle Unterlagen müssen in digitaler Form in einem (!) strukturierten PDF in oben genannter Reihenfolge mit einer maximalen Größe von 5 MB (zip-Dateien und WE-Transfer sind ausgeschlossen) eingereicht werden. Die pdf-Datei bitte mit Nachname_Vorname benennen.

Fragen bitte an info@bbkl.org oder 0341 261 88 99
Bewerbungen an: info@bbkl.org
Deadline: 20.04.2022

Hintergrund

Adam Friedrich Zürner (1679-1742) und die sächsischen Postsäulen

Im Jahr 1711 überreichte der Theologe Adam Friedrich Zürner dem Sächsischen König August dem Starken die „Special-Landt-Charte von Großenhain“. Diese exakte Landkarte erreichte eine bis dahin unbekannte Qualität, denn sie entstand auf der Grundlage eigener Vermessungen der Postwege durch Zürner und nicht durch die Übertragung alter Landkarten.

// GOOGLE MAPS DER AUFKLÄRUNG

Von dieser Karte beeindruckt, beauftragte August der Starke im Jahr 1713 Adam Friedrich Zürner, Sachsen neu zu vermessen und verlässliches Kartenmaterial anzufertigen. Zürner legte dafür mit seinem eigens konstruierten „geometrischen Wagen“ über 18.000 sächsische Meilen zurück, umgerechnet rund 163.116 Kilometer. Bei seiner Vermessung ging Zürner von zwei festen Punkten aus, den Städten Dresden und Leipzig. Die Vermessung begann am jeweiligen Stadttor und endete beim Posthaus oder Marktplatz der angefahrenen Stadt. 1717 erschien die „Chur-Sächsische Post-Charte“; schon vier Jahre später befahl der Landesherr die Errichtung von steinernen Postmeilensäulen mit Entfernungsangaben in den sächsischen Städten und entlang der Poststraßen. Da die Städte und Gemeinden die Kosten für ihre Errichtung tragen mussten, hat es erhebliche Widerstände gegen die Postmeilen- oder Distanzsäulen gegeben.
Die Größe der Postsäulen variierte je nach der Distanz, für die sie stehen. Sie wurden jeweils am Ortseingang sowie entlang der Postwege gesetzt und können die Form eines Obelisken, einer antiken Herme oder einer Stele haben. Poststraßen waren damals nicht für den allgemeinen Verkehr bestimmt, sondern durften nur von wenigen Personen genutzt werden, damit Kuriere und Abgesandte – und die Post – ungehindert zu den Residenzen gelangen konnten.

BBKL