Natur. Mensch. Geschichte – Verbindungen schaffen

Kunstprojekt im öffentlichen Raum zur Landesgartenschau 2022 in Torgau

Die Stadt Torgau verfügt über eine einzigartig erhaltene Renaissance-Altstadt mit dem imposanten Schloss Hartenfels und zahlreichen grünen Oasen. Die Gärten in der ehemaligen Residenzstadt Torgau zählten zu den frühesten und bedeutendsten Renaissance-Gärten Deutschlands. Das Glacis, der heutige Stadtpark, ist ein Relikt aus der Torgauer Festungszeit und ein über viele Jahre gewachsenes Naturschutzgebiet. Der nordöstliche Teil des Glcis wird zum Herzstück der Landesgartenschau 2022.

Im Vorfeld und während der 9. Sächsischen Landesgartenschau in Torgau reflktieren vier Kunstobjekte im öffentlichen Raum die Verbindung zwischen Natur, Mensch und Geschichte und greifen damit das Motto der Gartenschau auf.
Verbindungen schaffen ist in der bildenden Kunst ein elementares Anliegen: Verbindungen zwischen scheinbaren Gegensätzen sowie Verknüpfungen zwischen Elementen und Ideen auf räumlicher, zeitlicher und gesellschaftlicher Ebene.
Die Interdepedenz von Natur, Mensch und Geschichte wird mit regionalhistorischen Bezugspunkten in Verbindung gebracht und soll die Betrachter sensibilisieren, Zusammenhänge zu hinterfragen und sich mit ihrer Rolle in diesem Spannungsfeld auseinanderzusetzen.

Die vier Siegerentwürfe des künstlerischen Wettbewerbs wurden von einer Jury ausgewählt. Zur Jury gehörten Mitglieder des Bundes Bildender Künstler Leipzig e.V., der Landesgartenschau gGmbH sowie Vertreter:innen aus den Fachbereichen Kultur, Denkmalschutz und Geschichte. In einem zweistufigen Ideenwettbewerb konnten vier aus elf Entwürfen die Jury überzeugen.

Der Entwurf „Laubhauer“ des Künstlers Marcus Jansen zeigt eine überdimensionierte bewegliche Pflanzenskulptur, die quasi aus der überformten und verfallenen Fassade der Nikolaikirche herauswächst. Laubhauer waren im 15. Jahrhundert auf Pflanzenskulpturen spezialisierte Steinmetze. Für die Skulptur wird der Löwenzahn als eine aus dem Alltag bekannte und symbolbehaftete Pflanze gewählt. Die Applikation auf die verwitterte Kirchenwand steht im Spannungsfeld zwischen alter Bausubstanz, botanischer Forschung und moderner Formgebung.

Ein übergroßer aus dem Boden ragender Spaten aus Edelstahl verkörpert den vom Künstler Philipp Fritzsche konzipierten „Einschnitt“. Als Anspielung auf ritualisierte Spatenstich-Feierlichkeiten entsteht die „Baustelle“ im Kopf des Betrachters. Vorgesehen ist die Umsetzung in Bahnhofs- und Glacisnähe. Die Skulptur verweist darauf, dass jeder Spatenstich ein Einschnitt in die Natur ist und dass die Nutzbarmachung dieser den Anfang unserer Zivilisation bedeutet – eine Ermächtigung, die uns immer mehr Sorgen bereitet und auch ein Umdenken verlangt.

Die Künstlerin Pia von Reis entwickelt eine „Weidenstele“, die mit traditionellen Flechttechniken aus lebenden und weiter wachsenden Weidenteilen gefertigt wird. Verschiedene Weidenarten fanden bereits im Kräuterbuch des Johann Kentmann Beachtung und spielten durch das aus ihr gewonnene Schmerzmitttel Salicylsäure in der Medizingeschichte eine wichtige Rolle. Das lebendige Material verkörpert Stabilität und Veränderung gleichermaßen. Die Skulptur vereint in sich handwerkliche und medizinhistorische Tradition. Präsentiert werden soll die Stele voraussichtlich im Bereich der Stadtkirche und des Apothekergartens.

Auf der anderen Seite der Torgauer Stadtkirche zeigt der Künstler Reinhard Krehl eine Holz-Installation mit akustischen Elementen. Der Entwurf „Pyramus ruft Thisbe“ bezieht sich auf ein Liebespaar der griechischen Mythologie, das nicht zueinander finden kann, später adaptiert als Romeo und Julia. Pyramus und Thisbe konnten nur durch einen Spalt in der Hauswand miteinander kommunizieren. Der entstehende Holzblock symbolisiert Pyramus. Aus seiner Öffnung erklingt Musik: Der Ruf nach Thisbe. Pyramus ist jedoch kein lebendiger Baum mehr, sondern vom Menschen zersägtes Naturmaterial. Der Betrachter gerät in die Rolle der Thisbe: Wir lauschen den Klängen der Natur und wollen uns mit ihr verbinden, doch es gelingt nicht mehr. Krehl thematisiert den Konflikt zwischen Natur, Technik und Zivilisation, der immer aktueller und beklemmender wird. Das Musikstück wird eigens für diese Installation von Martin Wistinghausen komponiert und in Kooperation mit der Torgauer Johann-Walter-Kantorei aufgenommen.

Unterstützt wird das von der Stadt Torgau getragene und in Kooperation mit dem Bund Bildender Künstler Leipzig e.V. durchgeführte Projekt vom Kulturraum Leipziger Raum, von der Kulturstiftung Sachsen, den Stadtwerken Torgau sowie der Sparkassenstiftung für die Region Torgau-Oschatz.

Künstlerische Projektleitung
Franziska Möbius
Bund Bildender Künstler Leipzig e.V.

Foto: Louis Volkmann
© Marcus Jansen, Laubhauer, Installation, 2021

BBKL