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Wildwuchs

Temporäre Kunstinstallationen auf einer Brache hinter dem Leipziger Hauptbahnhof

27. Juni – 5. Juli 2009

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Wildwuchs

Das Projekt „Wildwuchs“ wurde vom Kulturamt der Stadt Leipzig und der Bürgerstiftung Leipzig finanziert.

Die Installationen wurden im Rahmen des Festivals „zwischengrün 09“ in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Leipzig präsentiert. Weitere Informationen unter www.zwischengruen.de

Beteiligte Künstler

Heinke Binder, Heinz-Jürgen Böhme, Kerstin Graf, Franziska Möbius

Projektleitung: Franziska Möbius

Wildwuchs, unerwartet

Temporäre Kunstinstallationen auf einer Brache hinter dem Leipziger Hauptbahnhof
27. Juni – 5. Juli 2009

Der Ort

Im Zentrum Leipzigs, direkt hinter dem Hauptbahnhof, grenzt ein brach liegendes Eisenbahn-Areal an das steinumfasste Flüsschen Parthe. Durch die Brache führt ein schöner Weg am Fluss entlang, den Ortsfindige gern als Abkürzung ins Zentrum benutzen. Den Weg säumen große Bäume, ein paar baufällige Häuser und Baracken, daneben liegen zugewucherte Gleise. Die Fläche ist erhöht, die Skyline von Leipzig ist gut zu sehen.

Noch ist es ein geheimer Ort. Er könnte eine Ruhezone, ein Ort der Begegnung werden, ein Ort, mitten in der Stadt die Natur zu spüren, inmitten dieser hektischen, verkehrs- und handelsreichen Gegend.

Hier sollte erst eine vierspurige Straße entstehen. Nun wird ein Gewerbegebiet geplant. Argumentiert wird mit Minuten. Um noch schneller irgendwohin zu kommen. Vielleicht, um noch schneller in die „Natur“ zu gelangen? Es ist simpel: Autoverkehr als Priorität zerstört den natürlichen Lebensraum, die Nahversorgung und letztendlich auch das soziale Netz, das Menschen im Laufe von Jahrtausenden aufgebaut haben.

Die Fläche weckt Begehrlichkeiten. Es ist kostbarer Boden mitten in der Stadt. Was braucht die Stadt? Geschwindigkeit oder Langsamkeit? Wer ist die Stadt?

Das Vorhaben

Mit vier Kunstinstallationen soll auf diesen und ähnliche Orte aufmerksam gemacht werden. Die Installationen beschäftigen sich mit Künstlichkeit und Natur. Sie sollen eine Aussicht auf ein mögliches sinnliches Erleben dieses Ortes geben, zeigen aber auch die Ambivalenz von urbaner Entwicklung und Natur. Ein ehemaliges Bahngelände, dem die Umwidmung zum Gewerbegelände bevorsteht, wollen wir temporär renaturieren. Das Projekt soll Überlegungen zu einem anderen Umgang mit der eigenen Stadt anregen und das Areal einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen.


Heinke Binder, Blütenflut

Heinke Binder
Blütenflut

Auf den Resten der Großstadt, altem Spielsand und Kompost, wächst Phacelia und will die Bienen locken. Der Fluss spendet das Wasser, vorerst in Pumpen und Rohren. Jeder Konzeptkünstler wäre begeistert: bedeutungsschwer die Prozesse der Verwandlungen; eingedenk dessen, dass Menschen in einem Kosmos ohne Pflanzen nicht existieren könnten.
SEHT NUR: Die Flut der Pflanzen spült das Verwahrloste hinweg.
mit Unterstützung von:
Lutz- Peter Naumann, Stadtreinigung Leipzig, Bauhof Taucha, Aquatechnik Prösitz


Heinz-Jürgen Böhme, Keimzeit

Heinz-Jürgen Böhme
Keimzeit

Die aus 400 Pflanzhüten bestehende Lichtinstallation zielt darauf ab, die Parthe in der Inneren Nordvorstadt nicht länger in einem sterilen besenreinen Steinkanal zu führen, sondern die Flussufer als lebendiges, grünes Band zu gestalten.
Die Chance, dem Stadtteil so einen neuen Image-Impuls und dem Zoo eine attraktive naturnahe Wegeverbindung zu geben, sollte nicht erneut vertan werden. Die temporäre Realisierung der Installation KEIMZEIT (Gesamtfläche ca. 500 qm) fand am Sonnabend, dem 27. Juni 2009, in Verbindung mit dem Bahnhofskonzert des Forums Zeitgenössischer Musik Leipzig statt. Als Sponsor, genauer Teilsponsor, ist NEONTECHNIK Leipzig zu nennen.


Kerstin Graf, Brachenmonolog

Kerstin Graf
Brachenmonolog

Malerei auf MDF Platten: je 2,70 x 2,5 m
Zwei großflächig strukturierte Bilder werden an einem leerstehenden Haus angebracht bzw. auf dem Boden installiert.
Sie bringen eine bruchstückhafte, künstlich illustrierte Natur mit der von Menschen geschaffenen Industriebrache in Verbindung. Die abstrahiert gemalte Pflanzenstruktur des Bodenbildes schließt sich direkt an die real gewachsene Vegetation an.
Es ist eine künstliche Welt an einem künstlichen Ort. Unsere Vorstellung von Natur ist geprägt von einer jahrtausendlangen kulturellen Aneignung der Natur. Unsere romantische Sehnsucht nach unberührter Natur bleibt unerfüllt.


Franziska Möbius, Rabenschwarz

Franziska Möbius
Rabenschwarz

Zwei große Schwingenpaare wurden auf verschiedenen Dächern der verfallenen Häuser installiert. Die Schwingen vollführen sanfte Bewegungen im Wind. Bei Sturmböen schlagen sie wild um sich.
Größe: je 4 x 2,5 m,
Material: wetterbeständiger Stoff, biegsame Stäbe

Wie die Raben, die für ihre anmutslose Größe, scheinbare Hässlichkeit und ihren Ruf als schlaue Diebe bekannt sind, rufen die Windfächer der Installation RABENSCHWARZ zwiespältige Gefühle hervor. Was bedeutet es, wenn die Raben die Hoheit über eine urbane Brache übernommen haben? Sind sie Sendboten kommender oder längst vergangener Katastrophen? Oder kehrt dort eine Weisheit zurück, die längst verloren galt? Wir schwanken zwischen heimlicher Bewunderung und der Angst vor dem Unbekannten.
Die Raben wurden in der langen Kulturgeschichte der Menschheit als Götterboten verehrt und als Galgenvogel verfolgt. In unseren Breitengraden sind sie vor hundert Jahren aus Angst und Unkenntnis fast ausgerottet worden. Nun hocken sie wieder inmitten der Stadt – symbolisiert durch fächerartige, blauschwarz glänzende Schwingen.
Denn wichtig ist nicht, was verloren ist, sondern was bleibt.