Einladungskarte

FRANK RUDDIGKEIT

SPUREN 2

Grafiken + Plastiken + Plakate
Ausstellung zum 70. Geburtstag

4.09. – 2.10.09

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Frank Ruddigkeit, Spuren 2

Gefördert durch:

Laudatio
Frank Ruddigkeit - Spuren 2

Sören Hauck

Sehr geehrter Herr Ruddigkeit, verehrte Gäste

Ich möchte mit einem Zitat von Lao-Tse beginnen, das meinem Bild von der Person hinter dem Künstler, vom Mensch Frank Ruddigkeit am nahesten kommen mag;

Es kümmert ihn überhaupt nicht, sich selbst groß zu machen.
Darum vermag er seine Größe zu vollenden.

Einiges verlangt Frank Ruddigkeit demjenigen ab, der sich seinen bizarren Bildwelten nähert. Ein flüchtiger Blick wird nicht genügen, das Geflecht sich windender Linien zu durchdringen, ewige Schraffuren, die Kaskaden-gleich pulsierende Bewegung suggerieren.
Ist dieses scheinbare Chaos durchdrungen, und das Auge „beruhigt“, offenbart sich die Gedankenwelt eines Mannes, der sich nicht auf das Wiedergeben äußerlich Betrachteten beschränkt, sondern der den Blick auf die Wirklichkeit alles Irdischen lenkt, um der Wahrheit möglichst nah zu kommen.
Das Leben ist ihm Wirklichkeit und umgekehrt. Leben ist Bewegung!
Dieser Gesetzmäßigkeit unterliegt die schlafende Katze ebenso wie das atmende Szenario einer wilden Symphonie, das Antlitz eines lachenden Bauern, aber auch das auf die Nichtigkeit der irdischen Existenz verweisende Motiv.

Die frühen Arbeiten Ruddigkeits, grafische Blätter, Porträts oder Gemälde, lassen noch die Anlehnung an den Verismus der 1920er Jahre und an sachliche Tendenzen der „Vorkriegsmoderne“ erkennen, die von Künstlern wie Dix, Schad, Felixmüller oder Grosz geprägt waren. Auch die Wirkung eines Picasso wird den jungen Künstler nicht unbeeinflusst gelassen haben.
In den Jahren während und nach seinem Studium von 1957 bis 1962 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig krankte die Kunstszene der jungen DDR an einer agitatorischen Kunstpolitik, die die anfängliche Moderne-Rezeption allmählich unterdrückt hatte. Aus damaliger Sicht und unter den Gegebenheiten in einem in Aufbau befindlichen zerstörten Land, verband sich mit der neuen Kunstausrichtung auch ein Stück Hoffnung, die vor allem von den jungen Künstlern getragen wurde und, aus heutiger Sicht, zu einigen Irrtümern geführt hat. Man kommt bei näherer Betrachtung der vielfältigen persönlichen Entwicklungen in der DDR-Kunst, insbesondere gilt das für Leipzig, bald zu der Annahme, dass der kreative Frei-Geist nach einer eigenen Nische suchte, in der er zu künstlerischer Entfaltung gelangen konnte.
Die Schule ließ den Studenten unter dem ersten Rektorat Bernhard Heissigs über die Konventionen hinaus reichende Freiräume hinsichtlich der stilistischen Entwicklung.
Als zunehmender Dogmatismus Heissig 1968 zum zwischenzeitlichen Weggang veranlasste, bildeten sich eigene Mechanismen im Umgang mit der kunstpolitischen Situation heraus. Der kritischen Meinungsäußerung etwa zu gesellschaftlichen Prozessen Gehör zu verschaffen, gelang bald mittels Bedienung allegorischer, oft tragischer Figuren aus dem Fundus antiker Mythologien, Literatur, aus Theater- und Operwerken, oder mittels ambivalenter Symbolik.

Für Frank Ruddigkeit könnte die Buchillustration und die Plakatkunst eine solche Nische gewesen sein, die ihm Möglichkeiten zu kreativer Entfaltung einräumte.
Wie auch immer, konnte er weitestgehend ungehindert seinen persönlichen Duktus formen, ungeachtet der stilistischen und inhaltlichen Vorgaben, die den Künstlern ob der Vorgänge zunehmender Politisierung der Kunst in den 1960er Jahren wenig Spielraum ließen.
Um so erstaunter schaut die jüngere Kunstwissenschaft auf das facettenreiche Erbe, dass offensichtlich mehr an Gewichtigem hervor gebracht hat, als das weithin gefeierte Leipziger Triumvirat. Dazu zählt zweifelsfrei auch das Werk, das grafische, wie das bildnerische und plastische des Jubilaren Frank Ruddigkeit.

Heute blicken wir auf 50 Jahre künstlerischen Wirkens Frank Ruddigkeits zurück, dass von beeindruckender Breite und Vielfalt geprägt ist. Die einzelnen Schaffensphasen sämtlich zu beleuchten, würde den Rahmen sprengen. Ebenso sein geschätztes Verdienst als Lehrer an der Hochschule für Kunst und Design, Burg Giebichenstein in Halle.
Dass neben Buchillustrationen auch große Teile seines freien Werkes dem Quell literarischer Inspiration entsprungen sind, halte ich allerdings für einen der wichtigen Aspekte zur Ergründung seines gesamtkünstlerischen Anliegens, offenbart sich doch darin im besonderen seine humanistische, weltoffene Geisteshaltung.
Man muss die Affinität zu Goethe, Keller, Puschkin, Tolstoj, Kafka oder Seghers ebenso teilen und deren Werke verinnerlicht haben, um den Denk- und Fühlprozessen Ruddigkeits folgen und auf den Grund seiner Universalsicht gelangen zu können.
Ich gestehe, mir sind sie nicht fremd, doch weitaus ferner.
In intensiver Auseinandersetzung mit den Freidenkern der Geistesgeschichte, fördert er aus den Stoffen die allgemein gültige Essenz, um daraus präzise Zitate an die seinige Lebenswelt zu formulieren.

Frank Ruddigkeit ist nicht, wie Andreas Reimann bemerkt, der reine Illustrator, der den Worten das Bild der darin wiedergegebenen Geschehnisse zur Seite stellt, noch liefert er hierin eine der zeittypischen Interpretation. Er greift in das Geschehen ein, tritt in einen Dialog mit den Werken und gelangt so schließlich zu einem mit seinen künstlerischen Mitteln generierten Gegenstück.
Sehr früh unternahm der Grafiker und Grafikdesigner auch erste plastische Versuche. Ob der vielseitigen künstlerischen Ausbildung an der HGB geschuldet, oder seinem unbändigen Drang nach Ganzheitlichkeit folgend, waren nach eigener Aussage „alle übrigen Ausflüge in die Malerei, baugebundene Kunst usw. immer nur technische Weiterungen des eigenen Gesichtskreises“.

Neben Auftragswerken für den öffentlichen Raum, von denen der Relief-Fries zur Geschichte des Leipziger Marktplatzes von 1978 zu den Hauptwerken des Künstlers gezählt werden darf - während anderes sich einer kritischen Neueinordnung unterziehen musste - entstanden zahlreiche Plastiken und Skulpturen, welche, in Charakteristik und Expressivität, überwiegend die grafischen Wurzeln deutlich erkennen lassen.
Folglich fällt bei Betrachtung der wesentlich in einem sachlich-gemäßigten Realismus beheimateten Plastik in der ehemaligen DDR mit Cremer als ihrem Doyen, dahinter Balden, Arnold, Grzimek, Förster und Schwabe, auch hier die Singularität Ruddigkeits auf.
Es ist sicher nichts außergewöhnlich daran, dass ein Künstler die verschiedenen technischen Mittel und Medien nutzt, seinen schöpferischen Durst zu stillen.
Dass jedoch die handwerkliche Qualität sich so günstig in die künstlerische Begabung fügt, zeugt schon von einer gewissen Genialität.

Der eigentliche Mittelpunkt, das Epizentrum im künstlerischen Schaffen des Malers, Grafikers und Bildhauers, in welchem sich die Weltoffenbarungen, Erosflammen und Innenweltlabyrinthe verwirbeln, wie es Peter Guth trefflich umschrieb, aber ist das Zeichnen. Hierin liegt die Leidenschaft des Künstlers, Muse steten Schöpferdranges, die im frühster Jugend bereits Besitz von ihm ergriff.
Bei intensiver Betrachtung des zeichnerischen Oeuvres von Frank Ruddigkeit, das hier umfassend und genreübergreifend gezeigt wird, erfährt man seine souveräne Meisterung in ihrer Ganzheit.
Skizzen, Studien, Vorzeichnungen, Beobachtungen, Entwürfe für größere Arbeiten oder räumliche Konzepte, Illustrationen, Tagebucheinträge bis zur gestalteten Schreibunterlage als quasi künstlerisches Nebenprodukt fügen sich zu einem Gesamtkunstwerk.

In tiefgründigen Porträts, keine lieblichen Ode an die Sinnlichkeit, noch Verklärungen zu Gunsten des Porträtierten, dringt Ruddigkeit wie ein Psychologe durch das verführerische Äußere zum Kern, zum eigentlichen Wesen vor.
Nicht entlarvend, aber durchschauend, fördert er dabei Seelenzustände zu Tage und versucht, diese detailliert zu beschreiben.
An seine zahlreichen, rückhaltlos aufrichtigen und alles andere als narzistischen Selbstporträts lassen sich momentane Stimmungen ganz untheatralischer Art wie Freude, Trauer, Angst oder Euphorie ablesen, wobei das Selbst zum Gleichnis für verschiedenste Lebenssituationen wird.
Die Präsentation der seit Jahrzehnten kontinuierlich geführten, mit gezeichneten und aquarellierten Kommentaren versehenen Tagebücher ist in diesem Zusammenhang nicht nur aus kunsthistorischer Sicht etwas Besonderes.
In ihnen illustriert Frank Ruddigkeit seine Haltung zu großen und kleineren Themen der Zeit, tritt in Auseinandersetzung mit anderen Künstlern und bekennt sich in ganz persönlichen Vermerken zu seinem Vergnügen an den sinnlichen Seiten des Daseins.
Alles, scheinbar das gesamte Leben, fußt auf der Zeichnung. Sie ist ihm nicht Mittel zum Zweck, noch reines Betätigungsfeld, auch nicht Berufung.
Sie ist Grundlage seiner Existenz.
Der Titel der Ausstellung erhält hier seine Folgerichtigkeit.

Blei und Feder, Kohle und Kreide, stets dem inneren Drang folgend, über die technischen und künstlerischen Grenzen und Möglichkeiten hinaus das im philosophischen Sinne Metaphysische sichtbar zu machen.
Das Innere nach Außen bringen, nicht auf den Punkt.
Es gibt kein endgültiges Fazit, ebenso wenig wie einen Anfang und ein Ende.
Beigefügte Textfragmente, bekennende Zitate oder auf den Titel verweisende Marginalien, mögen bewusst gelegte Spuren zur Wirklichkeitsfindung sein, jedoch die endgültige Erklärungshilfe liefern sie nicht.
Die Wahrheit liegt verborgen in dem Geflecht unzähliger Linien, die Personen oder Handlungssequenzen freigeben, sogleich zurück führen in die Tiefen sich verschlingender, auflösender Konturen und Kontraste, seelischen Zuständen gleich.
Peter Guth brachte die Lebensmaxime des Mehrkämpfers in einem der Philosophie entliehenen Sinnspruch auf den Punkt: Delineo ergo sum - ich zeichne, also bin ich.

Auf über 500 Ausstellungen hat Frank Ruddigkeit seine Spuren hinterlassen, mehr als 50 waren allein ihm gewidmet.
Da die Ausstellungen Spuren I und II das Jubiläum zum 70. Geburtstag des Malers, Grafikers, Bildhauers und Zeichners zum Anlass haben, folglich auch seine Schaffensphasen exemplarisch dokumentiert sind, gilt es hiermit auch das Lebenswerk von Prof. Frank Ruddigkeit zu würdigen.

Es ist für mich eine besondere Ehre, die Ausstellung „Spuren II“ eröffnen zu dürfen.

Vielen Dank

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