Einladungskarte

Akos Novaky

Malerei und Druckgrafik

15.06. - 11.07.2007

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Akos Novaky

Ewige Sekunden

Hier und Jetzt in weiten Horizonten – der Maler und Grafiker Akos Novaky

Dieser Maler ist ein Mystiker. Oft leichtsinnig im Sinne gesteigerter Metaphysik für die Kunst gebraucht, ist der Begriff bei Akos Novaky zutreffend. Bei ihm ist sogar, eher umständehalber als absichtlich, ein perfektionierter mystischer Geist am Werk. Denn wo zum Beispiel christliche Mystik zu schweifen beginnt, gilt jegliches Dekor als Ablenkung. Der Mystiker braucht kein Antlitz Gottes, Konkretion ist nicht hilfreich, kann sogar stören. Des wahren Mystikers Schau braucht nur einen Vorwand, nur geringste Anstiftung, um auf Reise zu gehen. Bei Novaky kommt beides zusammen: auf neblig-offenen Farbgründen deuten Symbole mit transzendentaler Potenz das Ziel an. Doch sie sind geradezu spröde, ja puristisch kurz formuliert. Dies ist mehr als eine ungeplante Analogie. In der Zweiheit aus geistiger Weite und abstrahierend verengter Form prallen zwei Wesenszüge seiner Malerei und Grafik zusammen, zwei Ebenen mit je eigenen Koordinaten. Das Ergebnis ihrer Verschränkung als Methodenachsen, ihrer, wenn man so will, Synthese im Werk ist wie in der geglückten mystischen Operation die höchste Konzentration.

Gewiss ist der Künstler über die unverlorene Substanz der Kunst als Wesensausdruck, Sinnstiftung und -versprechen, Schönheitssegel und -anker, Formemanzipation, Sublimation und Zukunftsverheißung, und dies alles als elementare Notwendigkeit. Folglich strebt Novaky nach substanziellem Gewicht und nach kulturanthropologischer Höhe seiner Bilder. Er baut Altäre, verwachst seine Bilder wie Ikonen, beschwert sie als materielle Gebilde mit tatsächlicher Substanz. Sie bestreiten, nur der Abglanz von etwas, gar reproduzierbar zu sein, und behaupten ihre Aura mit Gold und mit Glanz. Die steile siebenstufige Treppe ist dafür das beste Beispiel. Sie ist Objekt, ist Bild von etwas, symbolisiert ein Verfahren, sogar eine Geschichte im Sinne des mariologischen Thrones der Weisheit. Aber diese Geschichte ist mindestens Exemplum höchster Dinge. Also wird die Treppe sichtlich Kult-Objekt, und symbolisiert nicht mehr nur, sondern ist selbst Gegenstand der Verehrung.

Ungewiss sind die zu wählenden Formen, denn gewiss ist nur die zeitabhängige Veränderlichkeit der notwendigen Bilder. Vor gut 25 Jahren hat Novaky den Weg zu seinen Ikonotasen aus Symbolabfolgen begonnen. Ausgehend von Basisformen wie Kreuz und Quadrat hat er Brücke und Schwert, Schiff und Schlange und vieles mehr auf seine Grundformen hin reduziert, entkleidet, neu stilisiert. Das Bild bleibt Fläche bis auf Partien, in denen ein Tisch oder Sextant die dritte Dimension explizit meinen. Novaky malt gleichsam die subjektiv ermittelten Oberbegriffe dieser symbolisch aufgeladenen Dinge. Das Stundenbuch, die hochwollende Zeitrechnung, die mit einer höheren Zeit als der linearen kokettiert, strukturiert den Tages- und somit Weltenkreis mit solcherart höheren Symbolen. Doch die Dinge, wie sie sind, sind nicht mehr nur, wie sie sind, sie sind modifiziert in Schach-, Beistell- und Betttisch, in Niere und in Judd differenziert, jedenfalls millionenfach vervielfältigt und verkauft als Ware und als Bilder. Wo wäre der Sinn eines Tisches geblieben? Man muss ihn suchen. Also treibt Novaky die Konkretionen aus den bildlichen Begriffen, sein Tisch ist der Tisch, und versucht sich also einer als Absolutes nur denkbaren Formulierung zu nähern, allerdings nicht als neutrales Average, sondern in subjektiver Formung.

Die Treppe ist abermals ein gutes Beispiel dafür. Zwar ist die Siebenerzahl ihrer Stufen Programm. Zwar wird in der Zeichnung im Gold auf dem Podest die geometrische Schöpfung aller Dinge zitiert. Doch die Perspektive der Steigung wie der Flucht ist verschärft, kein Dekor führt beiseite. Dadurch treibt Novaky die Form hin zu ihrer Wesenheit, Stufe für Stufe, Zucht und Flucht, hin zum transzendentalen Gold des Jenseits, und kein Drumherum. Novakys Treppe ist ein Substrat des Symbolbegriffs Treppe, mitsamt seiner Bedeutungen, selbstverständlich subjektiv. Wer zuviel Maria darin sucht, könnte die Steilheit der Duce-Architektur empfinden. Man darf auch die anderen Symbole, ob Brücke oder Tor, Pforte, Säule, Rad und Bäume nach der Art ihrer subjektiven Radikalisierung befragen und wird Akos Novaky nicht als leichtfertigen Menschen erkennen.

Einerseits also gebietet die Prägung des Malers ihm, den Anspruch der Kunst als Ausdruck des Höchsten vor dem ewigen Horizont zu erfüllen. Ästhetische Biographie, Disposition und Verpflichtung schreiben ihm jedoch im Hier und Jetzt die bildliche Hygiene vor. Sie führt ihn zu kürzestknapper Diktion, zum Substrat der aufgeschwemmter Bildlichkeit. Kurz, die Wahrnehmung der historische Dimension erst erzeugt auf der Basis künstlerischer Verantwortung die symbolisch-puristische Tendenz bis hin zur Verkürzung der Form in Kreis und Punkt. Im glücklichen ästhetischen Erlebnis wirkt somit quasi unbeabsichtigte die Mystik als Union aus Ewigkeit und Sekunde.

Meinhard Michael
Kunststoff, Heft 6, 2007

Ausgewählte Arbeiten


POLITEIA I, 220 x 100 cm, Acryl auf Holz


POLITEIA II, 220 x 100 cm, Acryl auf Holz


POLITEIA III, 220 x 100 cm, Acryl auf Holz


SOL - SOMNIA, 2007, 60 x 220 cm, Acryl auf Holz


LA TEMPESTA, 2006, 60 x 88 cm, Farbholzschnitt


DIE LINIE, 2000, 100 x 220 cm, Acryl, Gold auf Holz


PARS SUPERIOR - Pars Inferior, 2001, 124 x 247 cm, Holz, Acryl, Beize

Bilder der Ausstellungseröffnung

Pressestimmen


LVZ vom 7./8. Juli 2007